Regionale Baukultur in der Praxis

Regionale Baukultur in der Praxis

Das ehemalige Bürgerhaus in der Ensheimer Straße in St. Ingbert ist ein Musterbeispiel für angepasste Gestaltung von denkmalgeschützten Bestandsbauten – ein Abbild der Landschaft. Unter Bauherrin Dorothee Pirrung hat das denkmalgeschützte Gebäudeensemble eine Wandlung im Zeitgeist der Nachhaltigkeit erfahren.

Während der Spätindustrialisierung im Jahr 1890 wurde das Gebäudeensemble, bestehend aus einem Haupthaus, zwei Nebengebäuden und einem in den Fels geschlagenen Eiskeller erbaut. Zunächst lebte der Betrieb im Auftrag der Brauerei Becker vom Bierhandel. Wie Schutztüren, Terrassen, kleine Räume und Stützsäulen zeigen, diente der Keller im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker. In St. Ingbert bekannt war der „Kohlen Paul“, ein Brennstoffhandel, der dort viele Jahre seinen Sitz hatte. Als Dorothee Pirrung das Haus 2015 kaufte, stand es bereits viele Jahre leer. Warum gerade dieses Haus? „Als Regionalentwicklerin suchte ich ein Objekt im Biosphärenreservat, an dem ich modellhaft arbeiten konnte. Dornröschenhäuschen zum Wachküssen, inserierte ich. Das Haus war wild eingewachsen, es strahlte für mich Freude aus. Es zeigte in seiner Verfallenheit bereits beim Kauf ansatzweise ökologische und baubiologische Strukturen, wie Schafwolldämmung, Holzfenster oder Pelletbrenner, wie ich sie für meine Konzeptentwicklung mit dem Mobile Biosphärenreservat Bliesgau in den Handlungsfeldern Klima- und Umweltschutz, Kulturlandschaft, regionale Wertschöpfung und Diversität – ohnehin bereits angedacht hatte.“, so die Eigentümerin. Heute beherbergt das Haupthaus ein familiäres, ökologisches Gästehaus mit drei individuell, ästhetisch gestalteten Zimmern zum Übernachten.

Vergangenheit und Gegenwart münden in Zukunftsfähigkeit.

Die Instandsetzung des Gebäudes dauerte etwas mehr als zwei Jahre. Recherchen nach den Bauherren und Vorbesitzern, sowie das Stöbern im Handbuch Regionale Baukultur des Kreises, brachten wertvolle Hinweise. Durch nachwachsende Rohstoffe, Recycling, Bewahrung und Wiederverwertung des Bestandes wurde baubiologisch und energetisch behutsam saniert. So wurden bspw. vorhandene Steine gesammelt, gereinigt und als Recyclingprodukte wiederverwendet. Im Projektraum fand die tradierte Verlegung von Recyclingziegel im Fischgrätmuster Anwendung. Alle eingesetzten Baumaterialien, Holz, Glas, Stahl und verschiedenste Steine, stammen aus einem Umkreis von weniger als hundert Kilometern – ganz so wie im Kutschen-Zeitalter. Die alten, zum Teil denkmalgeschützten Dielen- und Steinböden, Geländer und Türen wurden erhalten und restauriert, somit als Kulturgut in Wert gesetzt. Die Arbeiten wurden ausschließlich von regionalen Betrieben ausgeführt. Hier bietet die Liste des Denkmalamtes Hilfestellung bei der Suche nach kompetenten Firmen. Tradierte und moderne Elemente wurden verbunden. Junge Handwerker versuchten sich an alter Baumeisterkunst, Arbeiten, die sie zum Teil so noch nie gemacht hatten und waren hochmotiviert. Altes Wissen bleibt erhalten, Industriecharakter trifft auf Gemütlichkeit, Vergangenheit und Gegenwart münden in Zukunftsfähigkeit.

Auch auf Klima- und Energiesparmaßnahmen wurde geachtet: das Ensemble verfügt über einen Regenwasserspeicher, eine klimaneutrale Holzpelletheizung, Photovoltaikanlage und bezieht Ökostrom. Die Holzfenster sind teilweise dreifach verglast, die Dämmung besteht aus Schafwolle. Im Garten wurde der Bauerngarten erweitert, der alte Obstbaumbestand aufgepäppelt, ein kleiner Nutzgarten und eine Blumenwiese für Insekten angelegt. Interessierte sind für eine Führung und Austausch oder bei Fragen herzlich willkommen!

Das Bild wurde uns von der Eigentümerin Dorothee Pirrung zur Verfügung gestellt.