Neue Stadtarchivarin im Interview

Neue Stadtarchivarin im Interview

Heidemarie Ertle ist seit dem 1. Juli Leiterin des Stadtarchivs. Wir sprachen mit ihr nach den ersten Wochen.

1. Frau Ertle, Sie arbeiten seit drei Jahren im Stadtarchiv St. Ingbert. Was haben Sie früher gemacht?

Nach meinem Studium und der Promotion im Bereich Wirtschaftsgeschichte war ich als Wissenschaftlerin im Haus der Geschichte tätig und im Anschluss daran bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Dies waren prägende Erfahrungen, schließlich ging es darum, geschichtliche Ereignisse nicht nur einem kleinen Fachpublikum, sondern einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Nach Familienzeit und einem längeren Aufenthalt im Ausland ist St. Ingbert für uns Zuhause geworden.

2. Was fasziniert Sie so an der Vergangenheit?

Die Vergangenheit fasziniert nicht als Selbstzweck. Sie ist Grundlage für zukünftiges Handeln. Wir können aus der Vergangenheit lernen! Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Es gibt aber gewisse Situationen, die immer wiederkehren und dann ist es gut zu wissen, wie in früheren Zeiten agiert wurde und zu welchem Ergebnis dies führte. Das gilt in der großen Politik genauso wie in der kommunalen Geschichte. Wer mehr weiß, sieht auch mehr und kann selbstbewusster handeln.

3. Was sind Ihre mittel- und langfristigen Pläne für das St. Ingberter Stadtarchiv?

Eine der zentralen Aufgabe für die kommenden Monate sehe ich darin, die Nutzungsbedingungen des Stadtarchivs zu verbessern. Hier lautet das Zauberwort „Digitalisierung“. Natürlich können wir nicht unsere Bestände komplett digitalisieren. Das wäre zu aufwändig und würde eines enormen Speicherplatzes bedürfen. Wir können aber besonders häufig angefragte Bestände scannen, wie etwa den St. Ingberter Anzeiger, den wir ab 1867 im Archiv haben. Oder auch die Standesamtsbücher, die für die Ahnenforschung besonders wichtig sind. Gleichzeitig dient die Digitalisierung hier ebenfalls dazu, die Inhalte zu sichern, denn Papiere, die nach 1850 in großem Umfang industriell hergestellt wurden, verwandten Holzschliff als Rohmaterial und eine saure Leimung. Die so hergestellten Papiere waren zwar billig aber sind nicht alterungsbeständig.

Zur Digitalisierung zählt aber auch die Erstellung von Findbüchern, die der Schlüssel zu den Beständen des Stadtarchivs sind und den Archivnutzern einen Überblick darüber geben, was wir überhaupt im Archiv haben. Die Daten hierzu werden in ein spezielles Archivprogramm eingegeben. Interessierte Bürgerrinnen und Bürger können dann während der Öffnungszeiten in dieser Datenbank im Stadtarchiv recherchieren. Die fertigen Findbücher stellen wir aber auch online zur Verfügung.

Zu den langfristigen Zielen zähle ich, dem Stadtarchiv ein regionales Wirtschaftsarchiv hinzuzufügen. Dieses soll die für die Entwicklung St. Ingberts so wichtige Wirtschaftsgeschichte dokumentieren. Und vielleicht ist dieses Archiv eine Keimzelle für ein Wirtschaftsarchiv für das Saarland.

4. Sie sind nun seit dem 1. Juli Leiterin des Stadtarchivs. Welche Projekte haben Sie bereits angestoßen?

Da es mein Ziel ist, die Nutzungsmöglichkeiten des Stadtarchivs zu erhöhen und auch in der Öffentlichkeit dem Stadtarchiv den ihm gebührenden Platz zu sichern, war mein erstes Projekt, eine Website für das Stadtarchiv zu entwickeln. Seit Mitte August können nun interessierte Bürgerinnen und Bürger sich einen ersten Überblick über die Arbeit und die Bestände des Stadtarchivs verschaffen. Hier können Sie auch die ersten Findbücher, die wir erarbeitet haben, einsehen.

Im August haben wir damit begonnen, zwei für das Stadtarchiv besonders wichtige Bestände archivgerecht zu sichern. Hierfür erhalten wir Bundesmittel von der Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts in Berlin. Die Findbücher zu diesen Beständen hoffe ich, Ende des Jahres online stellen zu können.

Über meine Lehrtätigkeit an der Universität des Saarlandes möchte ich erreichen, dass die Schätze des Stadtarchivs mehr genutzt werden und auch in der wissenschaftlichen Forschung die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen gebührt. Hier gilt es Studierende zu gewinnen, unser Archiv zu nutzen und so Aspekte der St. Ingberter Geschichte zu beleuchten.

5. Gibt es etwas, was Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ja, das ist die generationenübergreifende Kommunikation. Letztendlich geht es ja im Archiv darum, das Wissen vergangener Generationen und unser Wissen heute, für zukünftige Generationen zu bewahren und weiterzugeben. Wenn es gelingen kann, die Weitergabe von Wissen zu unterstützen, sei es durch Projekte und Ausstellungen, die das Stadtarchiv initiiert, im persönlichen Kontakt mit Zeitzeugen oder in der Bereitstellung belastbarer Dokumente für die Forschung, dann haben wir wirklich etwas erreicht! Die Archivarbeit ist eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, insofern eine besondere Herausforderung aber auch eine besondere Freude.

Das Bild oben zeigt die neue Archivarin im Stadtarchiv. Es wurde uns von der Stadt St. Ingbert zur Verfügung gestellt.